Die Jungs von Tahrir

Auch kurz vor 22:00 ist es schwer, mit dem Taxi zum Tahrir-Platz zu fahren. Die umgebenden Straßen sind voll mit Menschen, es gibt hier und da Traubenbildungen. Mal ist es ein Verkaufsstand mit Fussball-Trikots, mal spontane Konzerte vor einem Theater. Wir schauen gerade recht verloren aus, als Mohammad und sein Freund fragen, ob sie helfen können. Sie kommen gerade von der Kundgebung und wollen nach Hause, aber begleiten uns in entgegengesetzter Richtung zu unserem Hostel. „Heute ist ein großes Fest, die Leute feiern“ erzählt er. Der alter Premierminister Shafiq sei gestern zurückgetreten, und der neue war Heute auf dem Platz und hat zu den Leuten gesprochen. Al Jazeera meldet eine sehr große Kundgebung, „es waren bestimmt eine Million“ ist sich Mohammad sicher. Er gibt uns seine Telefonnummer, wenn wir Hilfe bräuchten, sollen wir uns melden. „Hey, wir wollen nicht eure Geld oder so was, wir haben uns alle geändert“.

Auf dem Kern des Platzes ist eine Art Zeltstadt aufgebaut, und immer noch sind einige Tausend Leute da. Viele singen, es gibt überall Diskussion. Immer wieder gibt es auch Momente von Anspannung. Ein kleiner Junge lächelt uns an und sagt mit besorgtem Gesicht, wir sollen besser gehen, es sei nicht klar, was noch passiert. Als wir von der Seite den Platz filmen, winken uns ältere Herren zu sich. Sie lächeln überhaupt nicht und sagen nur: „Geht“. Aber warum fragen wir. „Geht“, sagen sie entschiedener. Seit die Leute diesen Platz genommen haben, gäbe es immer wieder Übergriffe. Regime-Leute würden Gerüchte verbreiten, Streit anzetteln und versuchen, zwischen den Demonstranten Gewalt zu schüren. Schnell gibt es eine Menschenkette um den Zeltbereich. Jeder der rein will, wird jetzt kontrolliert. Männer kontrollieren Männer, Frauen die Frauen. Mahmoud ist der erste, den wir treffen, der gut englisch kann, und endlich können wir uns etwas orientieren. Er ist ein älterer Geschäftsmann, die meiste Zeit in Dubai und schon mehrmals in Deutschland gewesen. Heute ist er mit seiner Frau und seiner Tochter hier. „Es gab die Ansage, dass nach dieser Freitagsdemo der Tahrir wieder komplett besetzt wird. Daraufhin sei der Premier Shafiq zurückgetreten“. Wer hat diese Ansage gemacht, fragen wir. „Na das ist der Punkt dieser Bewegung: es wurde gesagt, ohne dass es einen Sprecher gibt“. Wie ist der neue, fragen wir ihn? „Essam Sharaf sollte besser sein. Ist ein Professor, und vom ersten Tag an bei den Demonstranten gewesen“. Die Wurzeln des Mubarrak-Systems zu beseitigen, sagt Mahmoud ganz bedacht, das braucht aber einige Zeit.

Um Mitternacht beginnt die Ausgangssperre, aber auf dem Platz merkt man davon nichts. Inzwischen ist die Stimmung ausgelassen. Überall wird uns Tee angeboten, und Datteln. „Das ist unsere Fried Chicken“ sagt Mahmoud lächelnd. Seine Frau diskutiert erhitzt mit ein paar Leuten. „Oh, sie fand Shafiq besser und streitet wieder, lass uns abhauen“, sagt Mohammad und wir lachen alle laut. Nach dem wir ein paar Leute befragen und Aufnahmen machen, spricht sich rum, dass wir nicht einfach Touristen, sondern wegen ihnen da sind. Wie Bienenschwärme sammeln sich die Jungs um uns, und im nu sind wir von Interviewer zum Interviewten geworden. Alle stellen durcheinander Fragen, und es gibt nur Max, der übersetzen kann. Max ist vielleicht gerade Anfang 20, in den USA geboren, seine Frau ist auch Amerikanerin. „Aber ich bin 100% Ägypter“. Er war am 25. Januar dabei, als die Revolte losbrach. Mit 5 Freunden wurden sie auf dem Platz festgenommen, zusammengeschlagen und in einem Laster weggebracht. Einer seiner Freunde hatte starke Lungenprobleme und überlebte diese Nacht nicht. Er zeigt mir die Narbe auf seinem Rücken. Er wurde in den Februartagen mit einem Messer attackiert. „Hier ist es ruhig, aber in Giza, südwestlich vom Zentrum, laufen kriminelle und Regime-Leute rum. Sie plündern und vergewaltigen Frauen. Wir gehen jeden Tag hin, um der Armee zu helfen, diese Leute zu jagen.“ Was denkst Du über den neuen Premier, frage ich ihn. Er zuckt mit den Schultern „Die meisten Ägypter meinen, wir sollten ihm Zeit geben. Ok, sagen wir 2 Wochen, wenn er nichts ändert, dann stürzen wir ihn eben“.

Währenddessen steigt etwas weiter weg ein Typ auf einem Podest und macht mehrmals eine Ansage, während eine Menschentraube ihm zujubelt. Er mahnt nochmal, alle sollten auf die Frauen aufpassen, dass niemand sie belästigt oder unangenehme Situationen entstehen. Als sich viele um uns quetschen und mit uns reden wollen, greifen auch sofort Leute ein, wenn irgendjemand zu nah an meinen Begleiterin steht. Der Platz ist sehr männerlastig, aber die Frauen die da sind, immer noch in der Mehrheit, nur deutlich weniger verschleiert als in der Stadt. Sie bewegen sich und agieren wie alle anderen, völlig selbstverständlich gehören sie dazu.

Max zeigt uns Ahamd. Er ist etwas älter, vielleicht Mitte oder Ende zwanzig, etwas molliger, mit Bart und strahlt eine unglaubliche Ruhe und Sympathie aus. „Komm, er will mit Dir reden. Wir setzten uns rüber und sprechen mal im kleinen Kreis“. Wir entfernen uns 3 Meter und setzen uns hin. Binnen einer halben Minute haben sich ein weiteres Dutzend Leute in einem Kreis um uns gesetzt, kurze Zeit später ist der Kreis riesig. Max will für Ahamd übersetzten. „Wir wollen den Weltfrieden. Was können wir mit den Menschen in Europa gemeinsam dafür tun?“. Vielleicht ist es gerade diese Naivität, die diese Revolte so sympathisch macht. Das friedliche Miteinander ist hier der Lackmustest schlechthin. Als ob sie wüssten, dass sie Welt genau das hören will. Ohne dass wir sie darauf ansprechen, betonen sie immer die Gleichheit der Religionen und, dass alle Menschen gleich sind. Zwei der Jungs küssen sich auf dem Mund, „Schau, er ist Christ, ich bin Muslim, und wir lieben uns“, sagen sie und wieder lachen alle. Und natürlich wollen alle unsere Facebook und E-Mailadressen. „Alle holen sich deine Daten, aber keine meldet sich dann“, macht sich Max darüber lustig. Er und Ahmed begleiten uns zu unseren Hostel. Es ist fast 3 Uhr. „Ich muss noch nach Giza, kurz zu meiner Mutter, schauen ob alles in Ordnung ist.“ Morgen, ja Morgen sehen wir uns wieder auf dem Tahrir.

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