Die Schlacht von Maspiro

Wir kommen gerade von einem touristischen Besuch in der koptischen Altstadt von Kairo, als Naguib anruft: „Die Demo ist gigantisch“. Die christlichen Kopten haben sich in Shubra versammelt, nördlich des Zentrums. Also ziehe ich sofort mit meinem griechischen Genossen Yanis in Richtung Maspiro , die große Fernsehstation vom Kairo, direkt neben dem „Ramses Hilton Hotel“, wo die Demo enden soll.

Zum ersten Mal versammelten sich die Kopten Anfang März hier in Maspiro , als die religiösen Zusammenstöße begannen und die ersten Kirchen brannten. Hier entstand auch die Gruppe „Die Jugend von Maspiro “, die seither viele Aktionen und Demonstrationen organisiert hat. Dabei hielten sich traditionell die Kopten in Ägypten aus der Politik weitesgehend heraus, und lebten relativ isoliert in ihren Gemeinden unter sich. Doch an diesem Tag ist alles anders, und nach diesem Tag wird nichts mehr für sie so sein, wie es war.

Es hat sich viel Wut angestaut in den letzten Monaten, aber besonders in der letzten Woche. Wieder brannte eine Kirche, dieses Mal in der Region Aswan. Viele hatten die Tage zuvor davor gewarnt, dass radikale Islamisten diese Kirche angreifen wollen. Die Armee und Sicherheitskräfte taten aber nichts. Der Gouverneur von Aswan, einer aus dem System Mubaraks, drehte die Geschichte sogar um und beschuldigte die Christen, ohne eine offizielle Genehmigung diese Kirche gebaut zu haben, und islamische Jugend hätte das Recht, diesen Fehler zu korrigieren. Daraufhin kam es am letzten Dienstag wieder zu einem kleinen Sit-In von koptischen Aktivisten in Maspiro , die aber in der Nacht brutal von der Armee geräumt wurde. So war Maspiro auch wieder ein Ziel von mehreren kleinen Demonstrationen am letzten Freitag, die von Tahrir aus dahin zogen, um gegen die brutale Räumung zu protestieren.

Als an diesem Sonntagabend die Demonstration in Maspiro ankommt, ist die Stimmung sehr angeheizt. Die Parolen sind sehr laut, und sehr radikal: „Nieder mit dem Regime“, „Rücktritt des Militärs“. Es laufen einige Bischöfe mit, oder sitzen auf den großen Wagen. Sie beten und stimmen religiöse Lieder an. Die größte Linkspartei Ägypten, die sozialistische Allianz hat auch hierher mobilisiert, aber die Parteien und Jugendbewegungen treten nicht mit eigenen Fahnen oder Symbole auf. Es sind tausende, vielleicht sogar zehntausend. „Am Anfang waren es viel mehr“ sagt Naguib. Aber zwischendurch sind sie attackiert worden, aus irgendwelchen Dächern und Seitenstraßen. Es müssen radikale Islamisten gewesen sein. So haben sich nun viele in der Demo Stangen besorgt, und die Wut ist kaum zu steigern.

Die Demo biegt um Hilton Hotel ab, und kaum ist sie an dem Fernsehstation angekommen, hören wir Schüsse. Armeepanzer rollen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit an der Seite auf, manche fahren bestimmt 60 Kmh. Die Soldaten oben drauf schießen ununterbrochen Salben in die Luft. Der hintere Teil der Demo, in der wir sind, zieht sich panikartig zurück, Naguib bückt sich hinter einem Auto, wir hinterher. Als die Panzer weg sind ziehen wir uns vor dem Eingang des Hilton zurück, wo sich mehr und mehr Demonstranten versammeln. Alte Frauen die zurückkommen, schreien und weinen, viele schauen völlig schockiert und entgeistert, einzelne Verletzte werden weggetragen. Später auf Al-Jazeera sehen wir, was sie dort gesehen haben: einzelne Panzer sind direkt auf die Menschenmenge zugerollt.

Es herrscht völliges Chaos. Vor den Prachtvollen Eingängen des Hilton-Hotels laufen die Menschen durcheinander. Die aufgebrachte Menge baut Barrikaden, Steinpaletten werden kleingeklopft. Yanis will noch mal nach vorne, ich gehe vorsichtig hinterher. Wir sehen vor dem Maspiro zwei große Flammen, eines davon ist ein Panzer, der lichterloh brennt. Der Verkehr hinter dem ägyptischen Museum in den großen Straßen vor uns läuft normal weiter, viele springen aus den Minibussen und schließen sich der Demonstration an. Als sich erste Polizeieinheiten auf der Brücke versammeln, hagelt es Steine und sie müssen fliehen. Die Dämmerung hat nun eingesetzt in dieser schwülen Nacht, als Tränengas Wolken vor dem Hilton aufziehen, und die Menge sich langsam Richtung Tahrir zurückzieht.

Mehr und mehr flattern die Meldungen über Tote und Verletzte über Twitter. „Seid mal vorsichtig mit den Todesnachrichten, oft gibt es Gerüchte, und dadurch Panik“ versuche ich meine Gruppe zu beruhigen. Naguib ruft an. „Bist Du ok?“, „Ja. Kristin, Oli und Kiro sind jetzt bei uns und wie gehen was essen“. Er war vor einem Krankenhaus, um nach einigen Freunden zu schauen, aber das Militär hat es abgeriegelt und lässt niemanden rein.

Im Restaurant ruft Akram an, ein Aktivist der sozialistischen Allianz. „Bist Du ok?“, „ja, alles gut bei uns“, „Sie haben Leute umgebracht“, „ist das sicher?“, frag ich, „ja, auch eine Genossin von uns“ und gibt mir ihren Namen durch. Er ist auf dem Weg zu einer Parteiberatung, sie überlegen jetzt ihre Beteiligung an den kommenden Parlamentswahlen abzusagen. Ich komme zurück und erzähle die Nachricht. „Fuck“ sagt Yanis und senkt seinen Kopf bedrückt. Kurz darauf telefoniert Kiro, um nach einem Bekannten zu fragen, über dem nicht klar ist, ob er noch lebt. Wir starren ihn reglos an, das Gespräch dauert 2-3 Minuten. Dann legt er auf, „Tot“. Es sind über 20 Leute, die in dieser Nacht sterben, an die 200 sind zum Teil schwer verletzt. Im Staatsfernsehen werden 2 tote Soldaten gemeldet, verletzte weinende Soldaten gezeigt, und alles ist mit „Kopten greifen Streitkräfte an“ betitelt.

Als wir aus dem Restaurant kommen, sammeln sich junge Leute an den nächsten Kreuzungen, und Polizeieinheiten auf der anderen Seite der Talaat Harp, direkt am Tahrir. Bis zur Mitternacht haben wir Intifada im Downdown, die ganze Zeit hört man Schüsse, Gruppen von Jugendlichen laufen hin und her, werfen ein paar Steine, und fliehen. Dieser Tag wird hier eine neue Krise auslösen, das ist völlig klar, auch wenn man hier in einer Dauerkrise lebt. „Die Hauptstrategie der Konterrevolution ist das Anstiften der religiösen Gewalt“ hatte mir Naguib schon bei unserem ersten Gespräch im März gesagt. Sie sind zwar politisch noch jung und unerfahren, beherrschen aber die Algebra ihrer Revolution aus dem FF.

Für die Kopten, wird sich nach diesem 9. Oktober noch mehr ändern. Das sind vielleicht 10 Millionen Ägypter, die im politischen Leben bisher kaum ein Gewicht hatten. Sie wollten aber auch nicht, unter anderem weil sie in der säkularen Armee eine garantierte Schutzmacht sahen. Diese politische Abstinenz der orthodoxen Kopten übertrat die Jugend schon in den Tagen der Revolution. In dieser Nacht schreien uns viele schockierte Gesichter auf Englisch an: „Schaut her, die ägyptische Armee tötet die Christen“. Nach der Schlacht von Maspiro ist für sie nun alles anders. Die Schutzmacht ist Geschichte, und die Kopten werden sich politisch neu erfinden müssen, wenn sie in Ägypten überleben wollen.

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